Donnerstag 16. März 2006
„Marktwirtschaft funktioniert mit dem Menschen, so wie er ist: ein egoistisches, profitsüchtiges Individuum, das seinen Konsum maximieren will.“ Sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, in einem Streitgespräch mit Christian Führer, Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche (chrismon 3/2006, S. 27).
Er plädiert dafür, sich dem Konkurrenzkampf zwischen Mensch und Maschine, zwischen deutschen Arbeitern und Arbeitern aus exkommunistischen Ländern zu stellen. Lohnstrukturen, die dabei entstünden, müssten akzeptiert werden - auch Hungerlöhne.
Die Argumentation von Hans-Werner Sinn hätte durchaus etwas für sich. Wenn Menschen tatsächlich von Natur aus unverbesserliche Egoisten wären. Offenbar aber scheint es anders zu sein. Drei Beispiele aus Deutschland:
- Die Deutschen sind besonders spendenfreudig. Und mehr als ein Drittel der Deutschen engagiert sich in einem Ehrenamt. Frauen arbeiten freiwillig vor allem in den Bereichen Familie und Soziales, Männer als Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Wahlkandidaten. Gewinnorientierte Profitsüchtige?
- Über die Hälfte der Deutschen hat sich in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für einen gesetzlichen Mindestlohn ausgesprochen. 89 Prozent von den Befürwortern halten 7,50 Euro für „angemessen“ oder „zu niedrig“. Bestünde die deutsche Gesellschaft nur aus Egoisten - würden 57 Prozent der Deutschen anderen einen Mindestlohn gönnen?
- Eltern: auch in Deutschland soll es sie noch geben. Alles andere als profitsüchtig nehmen sie nicht nur die eigenen, sondern auch „fremde“ Kinder mit ins Schwimmbad oder auf die Rodelbahn. Verzichten auf tolle Auslandsreisen, weil sie sich für Kinder entschieden haben. Minimieren den eigenen Konsum ihren Kindern zuliebe. Alles Trottel?
Irgendwann jedoch ist der Punkt erreicht, wo Appelle an Selbstlosigkeit und Verzicht einen schalen Beigeschmack bekommen und auf taube Ohren stoßen. Wer in eine unsichere Zukunft blickt, fragt sich zu Recht: In dieser Situation Kinder bekommen? Werde ich für sie sorgen können? Werden sie ein menschenwürdiges Leben führen können? Werden sie einmal Arbeit haben? Oder werden sie auf Almosen angewiesen sein?
Deutschland hat die geringste Geburtenrate in Europa. Ein Beweis für die These von den unverbesserlichen Egoisten? Eher das Gegenteil. Man ist sich offenbar der Verantwortung bewusst und zögert. Für Frauen kommt zu diesen Bedenken noch der Umstand, dass Mütter nachweislich schwerer in Führungspositionen gelangen. Nach unten scheint für Frauen fast alles offen zu sein, nach oben fast alles geschlossen.
Und zumindest ein Teil der Ehrenamtlichen fragt sich inzwischen: Immer nur umsonst und für Hungerlöhne arbeiten? Anderen helfen und selbst mit den Problemen am Arbeitsmarkt kämpfen? Und: Die „Nester“, in denen Ehrenamtliche besonders gut gedeihen, Kirchen und Gewerkschaften, haben selbst Probleme.
Der Mensch ist mehr als ein profitsüchtiger Egoist.
Deshalb darf er nicht auf einen Spielball am Markt reduziert werden. Dadurch könnte er im Extremfall zwar zu dem werden, als das ihn Hans-Werner Sinn schon heute sieht. Aber welcher Mensch, der seinen und anderen Kindern eine Zukunft unter menschenwürdigen Bedingungen wünscht, kann das ernsthaft wollen?
Auch Hilfsbereitschaft und die Bereitschaft, niedrige Löhne zu akzeptieren, dürfen nicht grenzenlos ausgenutzt werden. Menschen machen sich über diese Dinge offensichtlich mehr Gedanken, als es manch einem profitsüchtigen Individuum Recht ist. Auch das zeigt der Blick auf Deutschlands Position als Schlusslicht der europäischen Geburtenrate. Ein Mindestlohn wäre nicht die Lösung aller Probleme, aber er wäre ein Zeichen, dass wir es ernst meinen mit der Menschenwürde.
Hoffen wir, dass sich unsere Bundeskanzlerin nicht an düsteren Menschenbildern orientiert, sondern am christlichen Menschenbild. Danach ist der Mensch ein sittliches Subjekt, weil er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Und weil er fähig ist, Entscheidungen zu treffen, selbstbestimmt zu handeln und dafür Verantwortung zu tragen.