Donnerstag 7. Februar 2008
Norbert Reuter schreibt:
„Ende Januar publizierte das DIW in seinem Wochenbericht 04/2008 neue Zahlen zu den Beschäftigten mit Bruttoeinkommen unter 7,50 Euro. Nach Angaben des DIW sind es ‚lediglich‘ 3,7 Millionen (Vollzeitbeschäftigte, Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte, erwerbstätige RentnerInnen, registrierte Arbeitslose und Schüler und Studenten). Diese Zahl liegt deutlich unter den von uns bislang angegebenen Zahlen (Mindestlohnbroschüre: 6,9 Millionen Betroffene, die weniger als 9,80 Euro im Westen bzw. 7,20 im Osten erhalten; mit Blick auf die 7,50 Euro hatten wir die Zahlen vom IAQ – Weinkopf/Kalina – verwendet, wonach es 5,5 Millionen Beschäftigte mit Bruttolöhnen unter 7,50 Euro gibt).
Wie kommen diese erheblichen Differenzen zwischen 3,7 Millionen (DIW) und 5,5 Millionen (IAQ) zustande?
Das Rätsel konnte nun gelöst werden: Das DIW hat zur Berechnung der Stundenlöhne offensichtlich lediglich einen 4-Wochen-Monat (also 28 Tage) zugrunde gelegt, obwohl die durchschnittliche Länge eines Monats bekanntlich 30,4 Tage beträgt. Je kürzer die Arbeitszeit pro Monat angenommen wird, desto höher ist natürlich der auf das Bruttoeinkommen bezogene Stundenlohn.
Entsprechend weniger Beschäftigte mit einem Stundenlohn von unter 7,50 Euro gibt es. Nach überschlägiger Rechnung des IAQ erklärt diese Fehlannahme des DIW weitgehend den Unterschied von 1,8 Millionen Beschäftigten in den jeweiligen Veröffentlichungen.
Darüber hinaus ist die Behauptung des DIW schon abenteuerlich, wonach unter Berücksichtigung des ‚Haushaltskontextes‘ (also der Tatsache, dass Niedriglohnempfänger von anderen Haushaltsmitgliedern unterstützt werden) sich ‚die Zahl der gering entlohnten Arbeitnehmer‘ weiter ‚drastisch‘ reduziert (S. 35). Im Prinzip wird damit so argumentiert: Weil die Frau, die Eltern oder wer auch immer auch noch was verdient bzw. verdienen, ist ein Armutslohn gerechtfertigt und der Armutslohnempfänger nicht wirklich arm. Ergo gibt es noch weniger Arme durch Arbeit!
Fazit: Die ‚neuen‘ Zahlen des DIW sind schlicht falsch und die Argumentation, man bräuchte keine Mindestlöhne, insgesamt unhaltbar.“