Donnerstag 13. April 2006
Der Wochenbericht 15-16/2006 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt die bereits vorliegenden Erkenntnisse: Seit Ende der 1990er Jahre wurde Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland kräftig ausgeweitet.
Die Dramatik der Entwicklung wird noch deutlicher, wenn man die Entwicklung des mittleren Lohns betrachtet, der als Bezugsgröße für die Bestimmung von Niedriglöhnen dient. Dieser stieg von brutto 12,50 Euro im Jahr 1992 auf 14,29 Euro im Jahr 2004. Das ist ein Zuwachs um 14 Prozent. Die Preissteigerung betrug im gleichen Zeitraum 23 Prozent. Tatsächlich handelt es sich also real um eine massive Senkung des mittleren Lohns. Netto fiel diese Senkung noch stärker aus. Es gibt nicht nur immer mehr Niedriglöhner, zusätzlich geht die Kaufkraft dieser Niedriglöhne immer weiter zurück.
Insgesamt liefert das DIW also viele Fakten, die die Notwendigkeit eines gesetzlichen Mindestlohns untermauern. Bei einem Mindestlohn von 7,50 Euro je Stunde müssten jedem zehnten Beschäftigten die Löhne angehoben werden. Bei den Vollzeitbeschäftigten ist es allerdings nur jeder Zwanzigste. Doch dadurch könnte die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere kleinerer Unternehmen in Ostdeutschland geschwächt werden, warnt das DIW. Überproportionale Lohnerhöhungen im unteren Bereich sollten vermieden werden, um dort die Beschäftigungschancen zu verbessern.
Doch die Studie stellt zu den Beschäftigungseffekten von Mindestlöhnen selbst fest: „Eindeutige Antworten darauf seitens der Ökonomie gibt es nicht – das gilt sowohl für die Theorie als auch für die Empirie.“ Negative Beschäftigungseffekte sind in unseren vielen Nachbarländern mit Mindestlöhnen nicht feststellbar.
Das Problem der Wettbewerbsfähigkeit reduziert sich erheblich, wenn auch die Konkurrenz höhere Löhne zahlen muss, wie es bei gesetzlichen Mindestlöhnen der Fall ist. Und gerade bei den überwiegend für den regionalen Markt tätigen kleineren Unternehmen wirkt sich auf der anderen Seite die Steigerung der Kaufkraft durch die höheren Löhne förderlich und beschäftigungssteigernd aus. Eine ökonometrische Untersuchung im Auftrag von ver.di ergab per Saldo bundesweit einen Zuwachs von 70.000 Beschäftigten.
Das tatsächliche Problem der Lohnentwicklung im unteren Bereich sind nicht zu hohe Steigerungen, sondern im Gegenteil die fortschreitende Ausbreitung von Niedriglöh-nen. Dieser Entwicklung muss Einhalt geboten werden. Deshalb brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn. In einer Höhe, von der man leben kann.